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Vom Hochwasser und seinen Nebenwirkungen

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Glück scheint unter anderem auch eine Frage des passenden Zeitmanagements zu sein.

Eine entsprechende Erfahrung war da für mich das Hochwasser nach einem Taifun, das mich drei Tage alleine in unserer Wohnung gefangen hielt. Leider auch ohne Strom und Internet, aber es war trotzdem genial.

Inzwischen ist hier schon längst wieder die Normalität zurückgekehrt und damit leider auch der Stress.

Hier ein kleiner Rueckblick:

8.10.2013
Ich sitze im Dunkeln. Es ist gerade mal 18.00, aber bereits dunkel und wir werden die ganze Nacht über keinen Strom und auch kein Internet haben. Draußen höre ich die Stimmen einiger Männer, die versuchen durch das Hochwasser zu waten bezw. mit dem Fahrrad zu fahren. Ich konnte den ganzen Tag das Haus nicht verlassen, denn nach zwei Tagen Dauerwolkenbruch lebe ich in einem See. Alle Straßen und unser gesamter Garten stehen unter Wasser. Dabei haben wir ja noch Glück, denn ein paar Ecken weiter sind die Garagen und teilweise das gesamte Erdgeschoß bis fast unter die Decke vollgelaufen. Der letzte Bus verließ um 17.30 unser Viertel mit all denen, die die Nacht lieber woanders verbringen. Ich bin geblieben und zwar alleine. Mein Mann ist in Deutschland und meine Ai konnte heute ebenfalls ihr Haus nicht verlassen. Das Wasser hält uns gefangen. Witzigerweise empfinde ich so allein im dunklen Haus eine gewisse Freude. Es ist mal eine spannende Abwechslung und ich war schon immer aufgeschlossen für Abenteuer. Meine beiden Katzen sind ja oft alleine ohne Licht in der Nacht. Gerade habe ich gemerkt, daß das Wasser nun auch zu uns ins Haus fließt. Erstmal nur in die Garage. Aber es steigt immer weiter! Meine liebe Schneli scheint das Besondere der Situation nun doch zu merken, denn sie ist auf meinen Schoß gekommen und kuschelt sich an mich. Ach, warum soll es uns besser gehen als unseren Nachbarn?

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Obwohl es aufgehört hat zu regnen, steigt das Wasser immer höher. Unsere Garage und der Waschmaschinen Raum sind schon voll. In der Ferne höre ich dauernd Blaulicht Fahrzeuge. Das Wasser gluckst und sickert überall hin . Die Garage und alles was drin steht - und das ist viel - ist kaputt. Hoffentlich bleibt es dabei. Und die Batterie meines Handys geht sehr schnell zu Ende. Ab dann werde ich keine Kommunikations Möglichkeit mehr haben. Wie lang hält eigentlich die Batterie einer Taschenlampe? Ich muß lernen sparsam zu sein. Während des Nachdenkens kann ich Batterie sparen. Nachdenken kann man auch im Dunkeln.

Gitarre üben eigentlich auch. Aber wegen des steigenden Wassers bin ich nicht so wirklich bei der Sache. Ich will nicht, daß unser Haus kaputt geht. Im Chattraum unseres Viertels sucht man immer nach einem Schuldigen, denn niemand kann sich vorstellen, daß so was nur vom Regen kommen kann. Man schimpft auf das neue Management, das angeblich versagt hat. Aber hat es das wirklich? Wenn ein ganzer Stadtteil in Ausnahmezustand gerät, macht es da Sinn einen Verantwortlichen zu suchen, den es wahrscheinlich gar nicht gibt? Ich würde so gerne unbegrenzt ins Internet, aber meine Batterie zwingt mich zur Disziplin .

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Wenn das eigene Haus voll mit Wasser läuft, passiert es, daß man seinen sicher empfundenen Ort als sehr unbeständig und unsicher erlebt. Es gibt ihn dann fast nicht mehr und die Relativität von materiellem Besitz wird plötzlich sehr sichtbar.

Und jetzt fängt es schon wieder an zu regnen. Das darf doch nicht wahr sein! Nein, das macht jetzt keinen Spaß mehr. Wir sind nicht so reich, daß wir ständig unser Haus neu renovieren können. Abgesehen davon, daß ich auch den wochenlangen Baulärm hasse. Bleib draußen, Du blödes Wasser! Please! Ich brauche doch kein Abenteuer mehr. Es reicht schon jetzt. Noch mehr davon macht keinen Spaß mehr.

Ist es witzig, wenn man abends ahnungslos ins Bett geht und dann morgens im Hochwasser aufwacht? Nein, das ist scheußlich.

Andererseits ist es im Moment äußerst romantisch. Es ist dunkel und still. Ich sitze im zweiten Stock und habe die Balkontür aufgemacht. Nicht einmal Flugzeuge fliegen heute und ich fühle mich wie auf dem Land. Nur das Wasser macht seine Geräusche und auch der Regen, der mal stärker und dann wieder schwächer wird oder ganz verschwindet. Da es weder Strom noch Internet gibt, verbringe ich den Abend mit mir alleine. Nicht einmal Gitarre spielen will ich, denn diese ungewöhnliche Ruhe ist viel schöner als jede Musik. Es ist so friedlich und groß. Ein unvergesslicher und wunderschöner Abend! Ich fühle mich trotz des steigenden Wassers ungewöhnlich geborgen. Zusammen mit der geliebten Natur. Die weiß schon wo’s lang geht. Früher konnten die Menschen wahrscheinlich fast täglich so eine Nacht genießen. Wir dagegen erleben diese Ruhe äußerst selten.

9.10.2013
So. Heute beginnt ein neuer Tag. Das Wasser ist etwas gesunken , aber immer noch sehr hoch. Unser Haus steht in einem See. Die Batterie meines Handys ist fast aus, aber ich habe entdeckt, daß ich mit einem alten Telefon, das keinen Strom braucht, immer noch über die normale Telefonleitung telefonieren kann. Das habe ich gemerkt, weil mich meine Nachbarn überredet haben mit dem deutschen Konsulat Kontakt aufzunehmen und um Hilfe zu bitten. Haha! Was sollen denn die helfen?

Eines ist mir jetzt allerdings klar geworden. Ich bin eine leidenschaftliche Nichtstuerin. So macht es mir Freude einfach nur dazusitzen und auf all die interessanten Geräusche zu hören, die an mein Ohr dringen. Ich höre immer wieder wie Menschen versuchen durch das Wasser zu waten. Und ich höre am Verkehrslärm, das offensichtlich außerhalb unseres Viertels das normale Leben wieder zurückkehrt. Nur wir sind davon noch weit entfernt. Zwei meiner Draußen Katzen haben auf dem Dach unseres Heizungshäuschens überlebt und es geschafft heute morgen auf dem winzigen Trockenteil vor unserer Balkontür um Futter anzufragen. Natürlich haben sie was bekommen, auch wenn ich eigentlich meinem Mann versprochen habe die “Wildkatzen ” nicht mehr zu füttern. Aber heute ging einfach nicht anders!

Irgendwann werde ich mir eine kurze Hose anziehen und versuchen durch das Wasser zu waten, um mir die anderen Teile unseres Viertels anzusehen. Das Wasser sieht allerdings sehr dreckig aus und ich habe Sorge auf irgendwelche ertrunkene Tiere zu treten. Die Sonne scheint durch den grauen Himmel und sagt mir, daß sich unser Zustand wahrscheinlich bald normalisieren wird.

Gestern schrieb mir ein chinesischer Freund auf WeChat: wenn Du nicht raus kannst, dann kannst Du ja dafür umso besser Gitarre üben. Leider nein. Genau das kann ich nicht. Ich bin nähmlich ein neugieriger und auch sehr abenteuerlustiger Mensch und an so einer unfreiwilligen “Abwechslung” in meinem Leben doch sehr interessiert. Ich beschäftige mich dann hauptsächlich mit Beobachten und kommunizieren und hebe mir die Gitarre lieber für mein Normalleben auf. Denn momentan gibt es spannenderes. Bei Sonnenschein sieht dieses Hochwasser ja auch sehr schön aus. Nur Mücken gibt es jetzt anscheinend noch mehr als jemals zuvor. Meine Beine jucken wie die Hölle! Eigentlich sollte ich zum Schwimmbad waten und mal schauen wie das jetzt aussieht. Vielleicht kann man noch drin schwimmen? Ich glaube aber eher nicht, denn sicher hat sich das Kloakenwasser mit dem Schwimmbad Wasser vermischt. Dann wird wohl für diese Saison das Wasser verdorben sein. Für die Zukunft weiß ich: ich werde hohe Gummistiefel, einen Tauchanzug und ein Schlauchboot kaufen. Beim nächstenmal Hochwasser bin ich dann beweglicher und kann mit dem Boot durch die Straßen fahren.

Ich finde es sehr richtig, daß wir von Mutter Natur sprechen, aber vom Vater Staat. Das zeugt von Sprachgefühl ! Wer Mutter Natur so stark fühlt wie es bei so einem Naturereigniss als positive Nebenwirkung passiert, der weiß wovon ich spreche. Es ist die Liebe, die diese Mutter Natur ausstrahlt, diese unbedingte Ruhe und allumfassende Kraft, die mich dann so ein Hochwasser doch auch genießen läßt. Vater Staat dagegen, das sind die kleinlichen Ansichten der Menschen. Da gibt es richtig und falsch und nützlich oder unnütz. Daß es bei uns Menschen aber geschlechterübergreifend sowohl bei Frauen als auch bei Männern Menschen gibt, die mehr die Lieber der Natur fühlen und andere, die mehr “Vater Staat” Ansichten vertreten ist auch okay. Hat eben doch nichts mit dem Geschlecht zu tun.

Auch interessant zu beobachten waren die teilweise sehr aufgebrachten Kommentare auf Weibo. Da möchte ich wirklich kein Mitarbeiter des Managements sein! Denn die werden beschimpft, als ob sie die Ursache allen Übels wären. Dabei können die wahrscheinlich gar nichts dafür und haben schon ihr bestes getan um uns das Leben zu erleichtern und diese Situation schnell zu beenden.

10.10.2013
Heute ist bereits der dritte Tag, an dem ich in meiner Wohnung von Hochwasser gefangen bin. Ich habe die zweite Nacht ohne Strom hinter mir, die ich allerdings sehr gut überstanden habe. Gestern Abend habe ich im Dunkeln zwei, drei Stunden Gitarre gespielt und dann auch noch Gymnastik gemacht. Gymnastik muß sein, da ich ja sonst keinerlei Bewegung habe. Diese Dunkelheit abends ist eigentlich schön. Ich habe mich sehr gut entspannt und viel besser geschlafen als sonst. Heute morgen, nach dem Aufwachen um sechs, bin ich erstmal vor die Haustür , um nach dem Wasser zu sehen. Es ist nun schon stark gesunken. Wenn ich Gummistiefel hätte, könnte ich bereits wieder draußen rumlaufen. Mein iPad hat noch 61% Strom. Mein Computer müsste etwa auch soviel haben, ich habe ihn schon seit zwei Tagen nicht mehr eingeschaltet. Taschenlampe habe ich auch noch. Rein theoretisch reicht das auch noch für eine dritte Nacht. Nur mit dem Essen könnte es heute etwas knapp werden. Aber Äpfel sind noch jede Menge da. Heute ist Donnerstag. Seit Montag bin ich nur noch drinnen. Montag war den ganzen Tag Wolkenbruch. Ab Dienstag war Hochwasser. Aber schon davor war ich eine Woche fast ausschließlich zu Hause. Es waren die Oktoberferien und wegen der vielen Menschen, die da unterwegs waren, bin ich lieber zu Hause geblieben. Schon seit Wochen habe ich nicht mehr regelmäßig Ballett gemacht. Hoffentlich kann ich das bald wieder.

P.S.: hier habe ich nicht mehr weiter geschrieben. Ich muss an die tagelangen Aufräumarbeiten denken und das Chaos, das nach dieser Überschwemmung hier zu sehen war. Wir hatten eigentlich viel Glück, denn es hätte ja noch viel schlimmer kommen können, doch trotzdem war der materielle Schaden enorm.

Posted in China spezial, Shanghai, Wetter, my home.

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8 Responses

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